Ein Jahr ist seit der letzten Betrachtung der Zukunft von vergangen. Viel Zeit für ein Web 2.0 Projekt. Viel Zeit, um weitere Fehler zu machen oder den Vorsprung auszubauen. Damals fragte ich „Was kann sich StudiVZ (wenn überhaupt) noch retten?“. Heute wissen wir: das Portal hat sich ein weiteres Jahr gerettet, ist Marktführer in Deutschland, aber ein Sieg ist noch weit entfernt. Der break even soll erst nächstes Jahr erreicht werden. Die Konkurrenz Facebook plant die Expansion nach Deutschland und studi.net ist seit einigen Monaten online. Im folgenden werden die Ereignisse des letzten Jahres zusammengefasst und eingeordnet:
Köpfe. Der erste Kopf rollte schon im März 2007: Gründer Ehssan Dariani sorgte für Negativ-Schlagzeilen und wurde elegant aus der Geschäftsführung herausgelobt (Pressemitteilung). Die beiden Gründer Michael Brehm und Dennis Bemmann übernehmen die Posten des COO und CTO. Im Juni wechselte Dirk Hensen von Yahoo zu StudiVZ und übernimmt die Unternehmenskommunikation. Seit dem 20.08. hat sich StudiVZ einen Profi als Chef gesucht: Marcus Riecke wird CEO. Die PR Agentur Faktor 3 darf die Kommunikationsabteilung zusätzlich unterstützen. Personell ist StudiVZ auf dem Weg der Professionalisierung.
Datenschutz. Die Zahl und Taktrate der groben Pannen hat abgenommen, die Daten sind jedoch weiterhin nicht sicher. Trotzdem beginnt das Sprüche klopfen: StudiVZ möchte „Marktführer in Sachen Datenschutz sein“, sagte Marcus Riecke im HORIZONT-Interview und beleuchtet in einem Satz die große Distanz von Anspruch und Wirklichkeit. Im Dezember 2006 hat StudiVZ den „Datenschutzbeauftragten“ Manfred Friedrich gesandt, um die User zu beruhigen und das Image zu retten. Sein Auftritt dauerte allerdings nur wenige Tage – seit dem gibt es von ihm keine einzige Spur mehr im Netz. Er schützt vermutlich seine Daten – sein Profil – besser, als die restlichen 4 Millionen StudiVZ-Nutzer. Ein neuer Datenschutzbeauftrager wurde nicht benannt. Sicherheit entsteht durch die neue AGB, denn die verbietet jeden Angriff: „Elektronische Angriffe jeglicher Art auf die Plattform / die Datenbank / das Netzwerk von StudiVZ oder auf einzelne Nutzer sind strikt untersagt.“. Daran werden sich die Hacker und Cracker der Welt bestimmt halten, vor allem, weil jede Zuwiederhandlung zum sofortigen Ausschluss des Nutzers führt… Sollte doch etwas schief gehen – StudiVZ hält sich Schadfrei: „Der Betreiber haftet nicht für die unbefugte Kenntniserlangung von persönlichen Nutzerdaten durch Dritte (z. B. durch einen unbefugten Zugriff von “Hackern” auf die Datenbank).“.
Hygiene. Eine öffentliche Plattform ist automatisch auch eine öffentliche Plattform andersdenkender. Die Möglichkeit, beliebig viele Gruppen mit freiem Namen anzulegen wird rege genutzt. Gruppen wie „Männer, die tanzen können, sind toll!“ (23.000 Mitglieder) und „Elite-Allergiker – 5 Allergien minimum!“ (2.200 Mitglieder) sind lustig bis hilfreich, doch tummeln sich auch einige Extreme im StudiVZ, wie auf der Blogbar und Channelshift zu lesen ist. Die Gruppen können zwar von den Benutzern an StudiVZ gemeldet werden, allerdings werden trotz des Wissen um deren Inhalt und dem Verbot in der AGB weiter geduldet. Es ist vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Staatsanwaltschaft mit diesem Thema beschäftigt. Bis dahin verdient StudiVZ mit jedem Mausklick. Die Moderatoren wollen den Spaß der Nutzer nur ungern einschränken und ziehen mit Gruppen wie „Dicke Kinder sind schwerer zu kidnappen“ (59.000 Mitglieder) die Grenzen des guten Geschmacks und rechtlich zulässigem sehr weit.
Features. Statt einer Revolution findet auf StudiVZ eine Evolution in kleinen Schritten statt. Innerhalb des letzten Jahres wurden an der Plattform kaum neue Features implementiert. Die Entwicklerressourcen wurden lieber auf SchuelerVZ und die Auslandsangebote verteilt. Der Einsatz von JavaScript und AJAX hat das Userinterface etwas beschleunigt, doch alle konkurrierenden Plattformen haben mehr Features und sehen besser aus. Features allein halten die Nutzer nicht, aber locken sie. Facebook geht den entgegengesetzten Weg und implementiert sogar experimentelle Features.
OpenSocial. Googles neue Web 2.0 Blase heißt OpenSocial und StudiVZ ist nicht dabei. Das Portal bleibt dadurch eine geschlossene Community und ein Wechsel wird erschwert. Doch wer einmal bei einem am OpenSocial angebundenen Portal ist, wird kaum wieder zurückkehren. Die Strategie dürfte kurzfristig für StudiVZ aufgehen – die kritische Masse an Nutzern ist schon überschritten. Langfristig ist StudiVZ damit eine große Insel, doch viele kleine Inseln mit Brücken (Mashups) sind auf Dauer spannender.
Image. Die Maßlose Überheblichkeit merkt man dem Marktführer auch in der Kommunikation an. StudiVZ provoziert viral an der Ekelgrenze berichtet off the record. Hier ist Schluss mit Ekel, der nächste Stichpunkt bitte:
Kraft der Masse. Tausend Lemminge können nicht irren. 3.2 Millionen studierende stürzen nicht gleich in den Abgrund, bilden dafür eine kritische Masse. Genau diese Masse ist das einzige – und wichtigste – was StudiVZ seinen Konkurrenten voraus hat. Schon die Erstsemester werden in ihren Einführungstagen auf die zu den Lehrveranstaltung passenden Gruppen hingewiesen und bilden ein Netzwerk aus geschätzt 80% der deutschen Studenten. Solange StudiVZ diese kritische Masse besitzt, bleibt StudiVZ Marktführer – selbst wenn weiterhin ein Fehler nach dem anderen gemacht wird. Doch die Studenten sind nicht dem Portal loyal, sondern ihren Freunden. Sobald sie wechseln, wandert das Netzwerk mit.
Weiterlesen: Alle Artikel zum Thema StudiVZ auf dem Happy Arts Blog sowie Artikel in der FAZ: StudiVZ will am Jahresende Geld verdienen






























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