NICHTS*
*ohne Dich
ist das Motto der neuen Webseite Stadtgespräch Jena. Die beiden Jenaer Autoren Sebastian Jung und Matthias Quent lassen die Bürger bloggen, nur nennen sie es nicht so. Die Pressemitteilung ist bis jetzt das Aufwendigste an der ganzen Website und beschreibt ausführlich, das jetzt jeder seine „Interessen und Talente in Form von Nachrichten, Kolumen, Bildern oder ähnlichen einbringen und der Öffentlichkeit zugänglich machen“ kann. Das Konzept der Seite liest sich wie folgt:
„Nachrichten und Berichte, die Vermittlung von Informationen und Unterhaltung basieren nicht auf betonierten Kommunikatoren und hauptberuflicher Redakteure der modernen Kulturindustrie, sondern stellen dynamische Prozesse der Menschen selbst dar. Als solche werden sie in Zeiten der massenhaften Verbreitung digitaler Medien in Internetforen diskutiert, in einzelnen Webblogs werden Meinungen abgegeben und persönliche Weisheiten verkündet. Um Nachrichten reflektiert, interessensorientiert, informativ und pluralistisch zu publizieren haben wir das Projekt Stadtgespräch Jena initiiert.“
Warum gerade diese Webseite „informativ und pluralistisch“ publiziert und wie sie sich von anderen Weblogs unterscheidet wird leider nirgends erklärt.
Dass dieser Anspruch sehr hoch gesetzt ist, wird auch an den ersten Postings deutlich. Zwischen dem Zweizeiler „GEZ für Internetrechner“ und „Militärputsch in Thailand“ befinden sich auch noch ein paar Nachrichten mit Bezug zu Jena. Leider war der Inhalt hauptsächlich aus anderen Medien abgeschrieben, ohne jedoch eine Quelle für die Informationen anzuführen. Die zwei informativsten Beiträge (hier und hier) stammen vermutlich direkt von den Interessengruppen und lesen sich wie eine PR-Meldung.
Die Webseite wurde mit dem Content Mangagementsystem Joomla gebaut, welches nur bedingt für ein Weblog dieser Art geeignet ist. Es gibt einen RSS-Feed, der zumindest mit Thunderbird nicht sauber funktioniert. Trackbacks werden nicht unterstützt und die Überschriften der Artikel sind nicht verlinkt. Bis jetzt gibt es weder ein Nachrichtenarchiv noch eine Suche. Links oben kann zwischen den drei Kategorien Aktuelles, Lebensart und Unterhaltung gewählt werden. Beim Einstieg werden die Artikel von Aktuelles gezeigt. Während meiner Recherchen zu diesem Artikel ging gleich die ganze Site für eine halbe Stunde offline:

Das Stadtgespräch Jena ist nicht die einzige Seite mit dem Ziel, Bürgerjournalisten ins Web zu locken. Das Jena-Blog.de existiert schon fast ein Jahr und hat kaum mehr als zwanzig Einträge. Pünktlich zum 6. jedes Monats wird vom Autor „StadtNews“ ein Artikel aus den etablierten Medien recyclet, damit überhaupt etwas auf dieser Seite steht.
Die beiden Beispiele zeigen, dass der Bürgerjournalismus nicht damit anzustoßen ist, einfach eine Website aufzusetzen und „hier!“ zu rufen. Schreibwillige Autoren wollen gefunden und auf Dauer gehalten werden. Was die beiden Webseiten ermöglichen, bietet z.B. die Lokales-Kategorie der Readers-Edition schon lange. Vielmehr sind neue Ideen gefragt, wie die potentiellen Bürgerjournalisten über Weblogs in eine Kommunikation mit den klassischen lokalen Medien kommen können.
Es wird die Aufgabe von klassischen Journalisten sein, den wenigen aktiven Bürgerjournalisten eine für beide Seiten lohnenswerte Plattform als Sprachrohr zu geben. Die Journalisten können Themen vorschlagen und die Diskussionen moderieren. Die Aussicht, dass gute Artikel es bis in die Print-Ausgabe einer lokalen Zeitung schaffen können, movierit zusätzlich. Interessenvereine wie z.B. beim Neubau des Schottgebäudes gegründet wurden sind bis jetzt noch nicht in den Weblogs zu lesen. Das wird sich ändern.
Immerhin beginnen die klassischen Jenaer Tageszeitungen sich zu öffnen: seit wenigen Wochen sind die Artikel der OTZ und TLZ auch ohne Login lesbar. Sogar ein RSS Feed existiert, auch wenn dieser noch nicht sauber alle neuen Nachrichten listet.
Passend zum Thema schreibt Matthias Kretschmer über Leserblogs: Ernüchternde Zwischenbilanz.


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