Nena

4. February 2012

283 Fotos, 4min 15 sec, 1 Lied und ein bisschen Nena

Wir waren wieder Pressevieh, die rund 10 Fotojournalisten und 15 Kamerastatisten, die für rund 4 Minuten im Fotograben NENA in Jena abschießen durften. Für mich war es 283mal der Versuch, eine wild über die Bühne gallopierende 50jährige Sängerin aus dämonischer Position nicht nur direkt in die Nasenlöcher zu fotografieren. Trotz einer Klickrate von 1,1 Fotos pro Sekunde ist das nicht immer geglückt.

Kurz vor Konzertbeginn wurde der Fotograben von der Security geräumt – Anweisung des Managements meinte der Chef der Security und liess dabei durchblicken, dass er von diesem Unfug auch nichts hält. Wenige Minuten später kam Nena auf die Bühne gesprungen. Nun hieß es für jeden, die 15kg Ausrüstung unversehrt durch die drängelnde Fotografenmasse zu quählen und nebenbei schon ein Eindruck vom Licht zu erhaschen. Die Kunst ist jetzt, die wenigen verbleibenden Augenblicke für ein halbwegs brauchbares Bild zu nutzen, denn wie lange das erste Lied dauert, weiß niemand. Was sonst auf der Bühne passiert auch nicht. Um die Herausforderung zu steigern machen die Lichttechniker das Showlicht erst an, wenn die Fotografen verschwunden sind. Zuerst mit dem Weitwinkel ein paar Übersichtsaufnahmen machen und vielleicht noch einen Gesamteindruck der Bühne vermitteln (wenn man direkt vor der ca. 1.60m hohen Bühne steht ist das fast unmöglich). Es bleibt nur Zeit für einen Objektivwechsel. Die letzten Fotos werden deshalb mit dem Teleobjektiv gemacht, das Canon 200/2.0L IS ist ideal dafür. Nena steht fast die ganze Zeit an der vorderen Bühnenkante und ich fast direkt unter ihr. Ein Foto aus dieser Position ist alleinfalls zur Abschreckung zu gebrauchen. Die einzige Lösung: Möglichst weit weg von der Bühne an die Fansperre drängeln und etwas seitlicher fotografieren. Wer allerdings seine Kamera nicht absolut sicher beherrscht hat in vier Minuten Konzert keine Chance auf ein gutes Foto.

Vorbei. Aus für heute. Die Security treibt uns aus dem Graben, wir müssen gehen. Die Kamera schreibt noch die letzten 20 Fotos aus dem internen Speicher in die Compact Flash Karte. Nun noch schnell unter die Fans gemischt, um wenigstens eine Totale zu schießen.

Die erwartete Ernüchterung kommt beim Sichten der Fotos: gerade einmal 20 Fotos sind gut genug, nicht sofort wegzufliegen. Wie die Verlage ihre üblichen Klickstrecken so füllen können bleibt offen. Was übrig bleibt, steht hier im Blog und reicht von der Qualität gerade so, das ich micht so sehr schähme und gleich alle Fotos lösche. Es bleibt dabei: in 4 Minuten kann kein Fotograf der Welt ein Konzert in vernünftiger Qualität dokumentieren. Jeder Konzertbesucher darf mehr: Er kann das Konzert über fotografieren und sich dabei an den viel besseren Positionen hinter dem Fotograben bewegen.

Es bleibt die Frage, was Künstler und Managment mit der künstlichen Beschränkung der Pressefreiheit erreichen wollen. Meistens ist wenigstens das Fotografieren in den ersten drei Liedern erlaubt. Das gibt eine halbwegs realistische Chance, ein gutes Foto veröffentlichen zu können. Eigentlich sollte es im Interesse der Künstler sein, gute Fotos in den Zeitungen und Zeitschriften zu sehen. Aber die schicken lieber ein vorausgewähltes PR-Foto und wollen die Imagebildung komplett überwachen.

Doch es gibt auch gutes zu berichten: Die Akkreditierung mit Presseausweis war unkompliziert und erfolgte ohne weitere Nachfragen oder spezieller Vorgaben wie Vorberichterstattung. Allerdings haben auch wieder Kollegen mit Kameras in der Größe meines Smartphones den Graben verstopft. Es sind bestimmt schreibende Kollegen, sie können dann in der Bildunterschrift unterbringen, was auf dem Foto zu sehen sein sollte. Oder es waren die fotografierenden Kollegen vom Radio. JenaTV hingegen hat keine Akkreditierung erhalten und könnte so höchstens mit Schwarzbild oder Archivmaterial vom Konzert berichten, hat es dann aber konsequenterweise gleich gelassen.

Zum Konzert selbst gibt es nicht viel zu berichten (die Textbaustein-Lobeshymnen gibt es zum Beispiel hier). Es war Nena und es war so, wie man sich Nena im Konzert vorstellt. Der Ernst-Abbe-Platz war nur halbvoll, was bei einem Kartenpreis von 49 € zzgl. VVK (zum Vergleich: ähnlich viel kostet die 6er Karte in der Kulturarena) nicht verwundert. In der Zeitung waren es 4000 Zuschauer, der Veranstalter berichtete von rund 3000 Zuschauern und es werden wohl um die 2500 Leute da gewesen sein.

Wie es auch anders geht war eine Stunde vor Nena zu erleben: Das musikalische Projekt „Zöllner & Söhne“ war das Musikalische Highlight des Abends. Und ich konnte das ganze Konzert ohne Einschränkungen fotografieren.

Update vom 29.06.2010: Offensichtlich hat sich Nena eines besseren besonnen und die Regeln gelockert: Es dürfen jetzt die ersten drei Lieder fotografiert werden, so berichtet rockpixx.com. Fotos aus Kiel „Unser Norden-Bühne“ hier (Artikel zu den Fotos).

Mehr zum Thema auch in DER TAGESSPIEGEL: Nach drei Liedern ist Schluss – Abgeblitzt

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