Der erste Artikel beschreibt die unterschiedliche Gewichtung und Qualität der Berichterstattung über den Streik der Ärzte in den Jenaer Medien. Es ist aufgefallen, das die „Thüringische Landeszeitung“ (TLZ), insbesondere die Redaktionsleiterin und Autorin des Artikels Lioba Knipping, einen sehr subjektiv geprägten Stil der Berichterstattung zum Thema des Ärztestreiks hat. Der Eindruck hat sich die letzten Wochen weiter verstärkt. Die hier zitierten Artikel sind leider nicht dauerhaft online erreichbar.
Der Artikel „Patienten: 40 Prozent weniger“ vom 09.06.2006 beginnt mit folgendem O-Ton:
Jena. (tlz/ide) “Es kocht bei den Mitarbeitern des Uni-Klinikums.” Diese Einschätzung in Zeiten fortgesetzten Ärztestreiks gab gestern Personalrats-Chef Dr. Andreas Leichsenring. Es gehe jetzt um die Frage, wie der Betriebsfrieden zu sichern sei. Leichsenring schätzte ein, dass das Klinikum derzeit 40 Prozent weniger Patienten hat als an normalen Tagen. “Stationen werden dicht gemacht; Schwestern nehmen Urlaub oder bummeln Überstunden ab.”
Andreas Leichsenring (SPD, Vertreter der Angestellten im Hauptpersonalrat beim Thüringer Ministerium für Wissenschaft,
Forschung und Kunst, Bild) hatte schon im ersten Artikel der TLZ (Scan, Diskussion) die Gelegenheit zu einem unsachlichen O-Ton. Dieses Zitat wurde entsprechend mit einem offenen Brief von Dr. med. Gunter Skirl, Oberarzt der Abteilung für Neuropädiatrie beantwortet und klargestellt, das es eine private Meinung ist, die hier geäußert wird. Als Einstieg für einen Zeitungsartikel ist ein solches Zitat ebenso nur geeignet, die persönliche Meinung zu stützen.
Derweil kursiert im Klinikum ein Schreiben von Vertretern des mittleren medizinischen Personals, in dem gefragt wird, “ob das fair und verantwortungsvoll ist, was die Ärzte derzeit veranstalten”. Schwestern und Pfleger hätten das Gefühl, “dass es unseren ärztlichen Kollegen egal ist, wie es uns geht”. Da werde ein unbefristeter Streik ausgerufen “mit der Möglichkeit, Patienten in andere Kliniken zu verlegen. Und das alles, damit sie noch mehr verdienen!”
Dieser Abschnitt zitiert ein Schreiben, ohne jedoch eine Quelle zu nennen. Der Inhalt ist um so Verwunderlicher, denn in verschiedenen persönlichen Gesprächen mit Ärzten wurde mir versichert, dass es sich in der Mehrheit der Fälle genau gegenteilig verhält.
Ob denn 3400 Euro plus Vergütung für Bereitschaftsdienste, plus Vergütung für Überstunden wirklich so wenig für einen gerade ausstudierten Arzt seien?, wird gefragt.
Wer fragt das? Die Zahl 3400 € deutet auf das erste Tarifangebot hin, gilt aber erst im zweiten Assistenzjahr. Nach BAT-OST verdient ein 27jähriger Assistenzarzt 3027 € bzw. nach dem ersten Tarifangebot 3200 €/Monat (das entspricht rund 1800 € netto).
Bekannt sei, dass die Ärzte sich zum Teil nicht mit ihren Chefs verstünden. Mehr Geld oder ein Tarifvertrag würden dieses Problem jedoch nicht regeln.
Bekannt ist auch, dass die Ärzte bestimmt nicht streiken, weil „sie sich zum Teil nicht mit ihren Chefs verstünden“, sondern weil die Arbeitsbedingungen für die Mediziner immer schlechter werden. Das zwischenmenschliche Probleme nicht durch Streiks oder Probleme gelöst werden können, ist allen beteiligten Seiten sicherlich klar, aber auch nicht Teil des Problems, um das es geht.
Jenas Ärzte stellen u.a. per Internet ihre Sicht auf die Dinge öffentlich dar: Zum Beispiel wird unter ” sklaven-in-weiß.de” Personalratschef Leichsenring darauf hingewiesen, dass Tarifeinheit im selben Unternehmen eben nicht Usus sei – siehe Deutsche Bahn oder Lufthansa.
Es ist positiv, das auch auf die Sicht der Ärzte verwiesen wird. Es ist jedoch anzunehmen, dass nicht jeder TLZ-Leser beim Lesen des Artikels sofort ins Internet geht und hunderte Links der Seite verfolgt, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Der durchschnittliche Zeitungsleser kann erwarten, dass er in einem Artikel über alle wichtigen Aspekte und Sichtweisen des Themas informiert wird und sich mit diesen Informationen eine eigene Standpunkt bilden kann. Ein Journalist sollte sich über seine Gatekeeperfunktion sehr genau im Klaren sein und diese nicht, wie hier im Beispiel der TLZ missbräuchlich verwenden.
Am 13.06.2006 erschien in der TLZ der Artikel „Verständlich, aber nicht solidarisch“ von Barbara Glasser. Dieser Artikel führt die Desinformation in bekanntem Muster weiter. Die einzige Informationsquelle scheint Andreas Leichsenring zu sein, denn auch in diesem Artikel hat er Gelegenheit, seine persönliche Meinung zu äußern:
Jena. (tlz) “Wir haben den Eindruck, dass es den streikenden Ärzten am Klinikum nur noch darum geht, einen eigenen Tarifvertrag zu bekommen”, sagte gestern Dr. Andreas Leichsenring, der Vorsitzende des Personalrats am Klinikum. Denn eigentlich seien alle Probleme, die sich durch Tarifvertrag lösen lassen, inzwischen geklärt.
Scheinbar gibt es eine ausführliche Zusammenarbeit mit Andreas Leichsenring, da er sowohl von Lioba Knipping als auch Barbara Glasser regelmäßig zitiert wird. Die Zusammenarbeit geht dabei mindestens bis in das Jahr 2004 zurück, wie ältere Artikel der TLZ zeigen. Andere Quellen wurden zitiert, aber oftmals nicht mit Namen genannt. Im weiteren Verlauf des Artikels kommt noch ein zweiter Mitarbeiter des Personalrats zu Wort, der selbstverständlich die Sicht seines Chefs, Herrn Leichsenring, unterstützt. Weitere Quellen, wie z.B. die streikenden Ärzte selbst erhalten kein öffentliches Forum. Da verwundert es nicht, das ein Kommentar (von Michael Gugel) auf diesen Artikel nicht lange auf sich warten ließ.
Die „Gute Nachricht für Patienten“ verkündete die TLZ am 16.06.2006. Doch der Artikel beginnt gleich mit einer Falschaussage:
Jena. (tlz) Der Ärztestreik ist beendet:
Der Streik ist nicht beendet, sondern wird ausgesetzt. Der Streik ist erst beendet, wenn dies auf einer Urabstimmung beschlossen wird. Es ist durchaus möglich, dass besonders die Ärzte im Osten den neuen Tarifvertrag nicht anerkennen werden und der Streik fortgesetzt wird. Am Montag findet eine Ärzteversammlung statt, in der das weitere Vorgehen beraten werden soll. Die Ärzte nehmen jedoch ab Montag ihre normale Arbeit wieder auf.


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